Gesucht: Neckar’scher Pointenproduzent

7. Mai 2012

Dass aus Hoffenheim keiner kommen wollte, kann ich nachvollziehen. Wäre gewiss kein Spaß gewesen, Markus Babbels Medienpräsenz der vergangenen Woche in all ihren Facetten zu erklären, flankiert von Wiesegeschichten und Sparkursfragen. Freiburger und Stuttgarter Vertreter hätten indes durchaus bemerkenswerte Saisongeschichten zu erzählen und noch dazu Spaß daran gehabt.

Natürlich ist es denkbar, dass die Vereine ihren Spielern erst einmal ein wenig Frei- und vielleicht auch Feierzeit gönnen wollten, sei ihnen gegönnt, obschon ich derlei Auftritte als Teil ihres Berufs betrachte. Für leitende Angestellte gilt das erst recht. Noch dazu, wenn man, wie in Stuttgart, ein durchaus spektakuläres Saisonfinale erlebt hat, ein Spiel mit Höhen und Tiefen, eines, das zurecht verschiedentlich als Spielgelbild der Saison herangezogen wurde und das man durchaus noch ein wenig hätte analysieren dürfen.

Beim SWR sah man das ein wenig anders. Man holte sich stattdessen ein paar sympathische junge Menschen ins Studio, die man mit etwas Wohlwollen bestimmt in die zweite Reihe der Fußballfachleute einordnen darf und die mit noch mehr Wohlwollen, nun ja, gar keinen Bezug zum Sendegebiet vorzuweisen haben – abgesehen vom hiesigen Vorzeigereporter Jens Jörg Rieck natürlich –, ergänze um eine kurze Schalte (sagt man so?) zu Arnd Zeigler, der uns neben einigen lustigen Anekdötchen aus der abgelaufenen Saison auch noch, aus welchen Gründen auch immer, an seiner Trainingseinheit mit Thomas Schaaf teilhaben lässt, und schon hat man einen vergnüglichen Saisonrückblick beisammen.

Möchte sich eigentlich jemand über die Bezeichnung als “zweite Reihe” echauffieren? Und wenn ja: mit welcher Stoßrichtung? Erste oder dritte? Ok, Hellmut Krug ist bestimmt ein Fachmann in Sachen Schiedsrichterei – die allerdings kaum eine Rolle spielte, es sollte ja vergnüglich sein. Reiner Calmund war zweifellos ein relevanter Gesprächspartner, damals, als er noch nicht ausschließlich der dicke, lustige Reiner Calmund war, oder, wie es Michael Antwerpes formulierte, “der rheinische Pointenproduzent”, und Nia Künzer, nun ja, wies darauf hin, dass der Verlust von Raúl auch ein optischer für die Damenwelt sei. [Hier bitte gedanklich eine populistische Forderung mit Verweis auf Fernsehgebühren einfügen.]

Wo waren wir stehen geblieben? Ach, beim Trainingserlebnis von Arnd Zeigler und Thomas Schaaf. Mich hätten ja eher Trainingserlebnisse interessiert, die Bruno Labbadia und Timo Gebhart betreffen, oder was auch immer zur vor wenigen Tagen zur Gewissheit gewordenen Ausbootung des Letztgenannten geführt haben mag. Ich hätte mir auch eine Ode an Matthieu Delpierre vorstellen können, aber vielleicht kommt die ja irgendwann noch, wenn man nicht mehr so in der Euphorie des pointenträchtigen Saisonfinals steckt. Oder einfach ein bisschen Fußball.

Nun denn. Vielleicht könnte man sich vornehmen, künftig nie mehr eine Mannschaft zu kritisieren, weil sie die letzten Spiele nicht mehr mit dem nötigen Ernst angegangen sei.

Die Stuttgarter Fans ließen diesen Ernst ganz gewiss nicht vermissen. Ganz im Gegenteil: Die Protagonisten der Cannstatter Kurve hatten eine mehr als ansehnliche Choreographie auf die Beine gestellt, und man ließ sich auch gesanglich nicht hängen, nicht zuletzt um für @BigEasyMuc die anständige Show auf dem Rasen mit einer anständigen Show auf den Rängen zu untermalen.

Anders als der Münchner Gast empfand ich indes nicht die Stimmung nach dem 3:2 als besonders intensiv, sondern jene, als der Führungstreffer von Hannover 96 eingeblendet wurde, was sofort zu lautstarken Europapokalgesängen in Richtung der Wolfsburger Gäste führte und fließend in den Jubel über den Anschlusstreffer des VfB überging. So fließend übrigens, dass ich zunächst nicht einmal Delpierres Abschiedsassist wahrgenommen hatte.

Der Rest war eine nach dem Spielverlauf so nicht mehr erwartete Saisonabschlusseuphorie mit zwei weiteren Torvorlagen des zu jedermanns Überraschung wahrscheinlich nicht für die EM nominierten Sakai und, man höre und staune, dem Siegtreffer durch Traoré, der zuvor gezeigt hatte, dass er schnell ist und manchmal in die richtigen Räume laufen kann. Wenn er in der Sommerpause lernt, den Ball dann auch zum Mitspieler zu bringen, könnte doch noch einmal ein wenig Hoffnung aufkommen.

Womit ich die Saison fürs Erste ohne den nötigen Ernst beende, über Verbalbeurteilungen nachdenke, mich mit dem Sohnemann und Panini-Aufkleberle sowie irgendwann mit der Europameisterschaft beschäftige. Und dem Stuttgarter Weg, wie immer.


Kein Erweckungserlebnis

1. Mai 2012

Dem einen oder anderen Stuttgarter Spieler, vielleicht eher sowohl dem einen als auch allen anderen, hätte man ja am Samstag ein Erweckungserlebnis gewünscht, wie es Bastian Schweinsteiger am Mittwoch zuvor irgendwo zwischen Mittellinie und Elfmeterpunkt widerfahren sein soll. Leider trat es nicht ein, und der VfB konsequenterweise so auf, wie er es eben tut, wenn er gegen den FC Bayern antritt: mutlos.

Ist natürlich, so ehrlich muss man sein, auch kein Wunder. Schließlich ging es gegen den frischgebackenen Champions-League-Finalisten, der Bernabéu gerockt hatte, und vermutlich tauchen sie noch heute in den Alpträumen des José Mourinho auf, die Contentos, Rafinhas, Pranjics und wie sie alle heißen. Da kann einem als Gegner schon mal das Herz in die Hose rutschen. Blöd nur, dass man damit eben jenen Platz blockierte, den man für die Schweinsteiger’schen Fundstücke hätte brauchen können.

Sicher, anfänglich hatte man ein paar Chancen, gute Chancen sogar, und auch wenn Christian Gentner tendenziell kein Kopfballungeheuer mehr wird, lag eine Führung nicht im Bereich des Fantastischen. Wobei man nicht so recht gewusst hätte, wo sie hergekommen wäre, zu träge, zu wenig überzeugt wirkte das alles. Was zugegebenermaßen in ähnlicher Weise auch für mich galt, ertappte ich mich doch dabei, dem Spiel phasenweise ähnlich konzentriert zu folgen, wie die Herren mit dem Brustring spielten. War halt warm. Und was für mich als Ausrede gilt, wird ja wohl auch für die Spieler …

Bevor er zum VfB kam, war Bruno Labbadias Bilanz gegen die Bayern im Grunde gar nicht schlecht und beinhaltete nicht zuletzt ein bemerkenswertes 4:2 mit Bayer Leverkusen im Pokal-Viertelfinale 2009. Beim VfB sieht das anders aus. 35-36-12-12-02-02, um genau zu sein. Und irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Bilanz in den Köpfen der Spiel sehr präsent war. Dass man von vornherein in der Gewissheit nach München gefahren war, dort nichts zu ernten.

Nichts war zu spüren von einer breiten Brust, die man sich mit den Ergebnissen der letzten Monate erarbeitet hatte, zum Teil auch mit der Art und Weise, wie sie zustande gekommen waren. Wenig deutete darauf hin, dass hier eine Mannschaft wild entschlossen war, Platz 5 zu sichern und sich die theoretische Chance auf Platz 4 zu erhalten, gegen einen Gegner, von dem man wusste, dass er entweder körperlich angeschlagen oder in ungewohnter Formation auflaufen würde.

Aber das war ja alles gar nicht nötig, wie die Stuttgarter Zeitung treffend anmerkt:

“Nun aber müssen die Stuttgarter schlimmstenfalls als Sechster in der letzten K.-o.-Runde vor den Gruppenspielen der Europa League, den sogenannten Play-off-Partien am 23. und 30. August, ran. „Eine geordnete Vorbereitung ist also in jedem Fall möglich, dass ist beruhigend“, sagte Labbadia [...]“

Na dann.

Ach, lassen wir das. Ich hab mich halt geärgert. Maßlos. Ärgere mich noch immer. Aber vielleicht nehme ich das alles einen Tick zu persönlich. Halbherzig ist nicht so meins. Und wenn ich dann noch nebenher davon ausgehen muss, dass man sich von Timo Gebhart trennt, dass es offensichtlich nicht gelungen ist, einen Spieler mit seinen Fähigkeiten so zu fördern, dass er jetzt da stünde, wo er stehen könnte, und mit ihm der Verein, und wenn ich gleichzeitig darauf hoffen muss, dass der selbe Trainer ab der kommenden Saison den Stuttgarter Weg mit anderen, ähnlich talentierten jungen Spielern ganz anders geht, dann wird mir ein wenig bang.

Aber das hat nur am Rande mit dem Spiel in München zu tun.

Und zum Schluss muss ich doch noch kurz fragen, ob da draußen noch einige weitere irritierte Zuschauer herumschwirren, die sich hätten vorstellen können, dass Sven Ulreich vor dem 1:0 seinen Strafraum entschlossen verlassen und das Duell mit Müller in Angriff genommen hätte.

Aber auch das: ganz am Rande. Und nächste Woche freue ich mich dann auch wieder über die gelungene Wendung, die die Saison in den letzten Monaten nahm. Bestimmt.

Und fast hätte ich vergessen, ganz am Ende mit einem raffinierten Kniff noch einmal zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Zu Bastian Schweinsteiger, dessen kurzes Mitwirken am Samstag noch einmal zu einem gänzlich anderen Spiel führte. Plötzlich, so schien es mir, traten die Bayern mit jener Selbstverständlichkeit auf, die dem VfB dann endgültig vor Augen führte, dass das Spiel verloren war. Das Münchner Spiel hatte eine ganz andere Struktur, auch einen Fixpunkt, und jeder Gedanke an ein Unentschieden war mit einem Mal undenkbar.

Vielleicht übertreibe ich. Aber ich muss sagen: Schweinsteigers Präsenz auf dem Platz hat mich in ihren Bann gezogen.


Das ham wir uns verdient

23. April 2012

Vor einem knappen Jahr hatte ich mich ein wenig gewundert über all jene, die Borussia Dortmund zum “verdienteste[n] Meister seit was weiß ich wann” erkoren hatten. Nicht dass ich daran gezweifelt hätte, dass der BVB völlig zurecht und eben verdient Deutscher Meister geworden sei, ganz im Gegenteil; ich verstand und verstehe nur nicht so recht, wie man die Verdientheit einer Meisterschaft misst. Punktabstand? Meisterschaftssichernder Spieltag? Spielweise? Bilanz gegen die Bayern? Unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Anzahl verletzter Stammspieler pro Spieltag?

Die aufmerksame Leserin mag mittlerweile ganz leise erahnen, dass ich nichts vom Verdientheitsvergleich von Meisterschaften halte. In meinen Augen ist der Gewinn der deutschen Fußballmeisterschaft entweder verdient – oder er ist verdient. Etwas anderes gibt es nicht.

Aber wie gesagt: Das sagte ich sinngemäß schon vor einem Jahr. Dass mit Michael Zorc dem Vernehmen nach in diesem Jahr auch ein Vereinsvertreter in diese Kerbe schlägt und feststellt, dass es “selten einen verdienteren Deutschen Meister als dieses Jahr” gegeben habe, hat einerseits noch einmal eine andere Qualität, andererseits hat er natürlich nach meiner Sichtweise recht: Wenn jede Meisterschaft gleichermaßen verdient ist, gab es in der Tat nicht nur selten, sondern noch nie einen verdienteren Meister. Aber auch noch nie einen weniger verdienten.

Wortklauberei? Ja. Und das war noch nicht einmal alles. Als ungleich störender empfinde ich nämlich einen Satz von Jürgen Klopp, den ich ihm in dieser Form nicht zugetraut hätte: “Wenn es jemals einen verdienten Meister gab, dann sind wir das!

Was soll denn das nun schon wieder heißen? Mit großer Wahrscheinlichkeit gab es niemals einen verdienten Meister, aber wenn man dann doch unbedingt einen ausgucken müsste, dann wär’s halt der jetzige? Hat nämlich einen außergewöhnlichen Charakter, die Mannschaft, und verrückte Sachen macht sie.

Eine Meisterschaft ist eine Meisterschaft ist eine Meisterschaft. Verdient ist sie allemal, die Emotionen gehen völlig zurecht mit einem durch, man darf nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, und fremdsprachliche Lapsus sind sowas von egal. Und trotz alledem verstehe ich nicht, wieso man da Quervergleiche braucht. Rangfolgen erstellen und die Dinge vermeintlich historisch einordnen muss. Der nächste Meister wird wieder der verdienteste sein. Oder noch verdienter, wer weiß. Ob er Dortmund heißt (wenn es jemals einen Meisterschaftshattrick gab, dann in Dortmund) oder anders.

Herzlichen Glückwunsch, Borussia Dortmund, zum Meistertitel (dass er verdient war, steht ja … ach, lassen wir das), und vielen Dank für begeisternden Sport, wunderbaren Fußball mit bemerkenswerten Kombinationen und großartigen Einzelkönnern. Ich zähle auf Euch in Europa nächstes Jahr, und vermutlich werde ich Euch auch wieder als Meister tippen, nachdem ich Euch diese Saison nur die Herbstmeisterschaft zugetraut hatte. (Vorsicht, dieses Jahr hieß mein Meistertipp Bayer Leverkusen.)

Wenn es übrigens jemals eine Personalie gegeben hat, die ich nicht verstanden habe, dann ist es die von Marc Kienle. Der vor einem Jahr prominent inthronisierte und mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattete (zumindest wurde der Eindruck erweckt) sportliche Leiter für Jugend und Ausbildung des VfB geht wohl zu Bayern München, allerdings nicht als Funktionär, sondern als Trainer der dortigen U19.

Die Tragweite dieses Abgangs kann ich nicht seriös einschätzen, zumal bis dato kaum Hintergründe nach außen gedrungen sind. Ohne Zweifel aber ist für mich, der ich die Bedeutung (zugegeben: auch die Symbolkraft) dieser Position, gerade bei einem Ausbildungsverein (sic!) wie dem VfB, als außerordentlich hoch betrachte, nur sehr schwer verständlich, wie es dazu kommen konnte und wie vor allem Fredi Bobic nach eigenen Angaben so unvorbereitet getroffen werden konnte.

Spekulationsansätze gibt es zuhauf. Neben der Strahlkraft des FC Bayern, auch neben der dortigen Umstrukturierung der Nachwuchsarbeit, die ein spannendes Projekt sein dürfte, natürlich auch neben finanziellen Aspekten (gilt der Stuttgarter Weg in Sachen Gehaltsgefüge analog für die Ausbilder?), vielleicht auch neben Kienles Wunsch, selbst eine Mannschaft zu trainieren (was er in Stuttgart ebenfalls hätte tun können), fragt man sich unweigerlich, ob es vielleicht doch damit zu tun haben könnte, dass der VfB seinen eigenen Ansprüchen in Sachen Nachwuchsförderung nicht gerecht wird, dass seit Jahren kein eigener Jugendspieler dauerhaft den Sprung zu den VfB-Profis geschafft hat, dass gerade in der abgelaufenen Saison das Missverhältnis zwischen den Aussagen zu Saisonbeginn auf der einen und den Bundesligaeinsätzen oder auch nur -nominierungen der Nachwuchsspieler ein bemerkenswert krasses war.

Und man fragt sich ganz unschuldig, wie wohl das Verhältnis zwischen Bruno Labbadia und Marc Kienle gewesen sein mag. Ganz am Rande, aber wirklich nur ganz am Rande, man kennt ja seine Pappenheimer, stellt man sich auch noch die Frage, wieso diese Personalie bei Sport im Dritten keine Erwähnung fand. Könnte natürlich ganz schlicht daran liegen, dass sich meine Einschätzung ihrer Bedeutung von der des SWR unterscheidet.

Köln? Nun denn, wenn es jemals einen Bundesligaspieltag gab, von dem ich so gut wie nichts gesehen habe, dann war es dieser. Der trotz mäßigen Spiels die wohl verdienteste Uefa-Cup-Qualifikationsqualifikation seit einem noch zu definierenden Zeitpunkt mit sich brachte. Selten jedoch, so viel lässt sich bereits sagen, war sie verdienter. Wenn man jetzt noch in München gewänne … nicht in Worte zu fassen, dieser Verdienst dieses Verdienst diese Verdientheit von Platz 5.

Zum Schluss noch ein kurzer Hinweis für die Demutsskeptiker in Stuttgarter Reihen:

“Wenn man überlegt, woher wir kommen, das ist schon grandios.”

Sagt Herr Watzke. Und der ist verdienter Meister. Geht alles.


Grandioses Comeback: die englische Woche

16. April 2012

Nach dem Stuttgarter Sieg in Augsburg hatte ich bei Sportradio360 im Liga Globus sinngemäß angekündigt, mir bei einem weiteren Erfolg gegen Bremen für die kommende Saison nur noch englische Wochen zu wünschen.

Nun, ich wurde erhört. Nicht nur schlug der VfB Werder mit 4:1; vielmehr hielten sich auch die anderen Uefa-Cup-Kandidaten an mein Drehbuch und ließen durch die Bank Punkte liegen, sodass die ersten englischen Wochen bereits gesichert sein dürften und wir von Ventspils, Molde, Györ oder Domzale träumen dürfen – die bestimmt auch Martin Harnik im Sinn hatte, als er auf den Zaun stieg und Europapokalträume befeuerte (wenn auch noch ein wenig schüchtern, wie mir unter akustischen Gesichtspunkten schien).

Und natürlich freue ich mich, ohne die Saison vor dem letzten Spieltag loben zu wollen, auf internationale Spiele, gegen wen auch immer. Dass sich der Uefa-Cup finanziell kaum lohnt, ist ein Webfehler des Wettbewerbs, und dass ich vor einiger Zeit sagte, mir sei eine vernünftige Vorbereitung auf die kommende Saison, insbesondere mit Blick auf den verstärkten Einbau junger Spieler, wichtiger als die Europapokalteilnahme, stimmt ebenso; das ändert nichts daran, dass ich mich darauf freue und eine Teilnahme als erstrebenswert wie auch dem Ansehen des VfB förderlich betrachte. Und, ja, auch der sportlichen Entwicklung.

Überhaupt, die sportliche Entwicklung: Seit Monaten kursiert, auch hier, die Forderung nach einem erkennbaren sportlichen Konzept, einer Handschrift, meinetwegen auch einer Philosophie, anstelle eines bloßen pragmatischen und anscheinend nicht perspektivisch angelegten Ringens um Punkte. Am Freitag diskutierte ich mit einem Freund darüber, dass der VfB gegen Werder genau den Fußball gezeigt hatte, den wir von Labbadias früheren Stationen kannten. Das war kein brillantes Offensivspiel in dem Sinne, dass wir ein Feuerwerk aus verwirrenden Kombinationen erlebt hätten – die Frage, wie der VfB zu Toren gekommen wäre, wenn die Standardsituationen, auch dank tätiger Bremer Unterstützung, nicht so überragend funktioniert hätten, bleibt unbeantwortet.

Aber es war insofern überzeugend, konzeptionell quasi, als die gegnerische Abwehr im Grunde erstickt wurde. Die Stuttgarter Offensive übte beim Bremer Spielaufbau derart viel Druck aus, dass die Bälle ein ums andere Mal rasch gewonnen wurden, angeführt von Hajnal, der bis zu seinem Ausscheiden immer wieder in högschdem Tempo die Außenverteidiger anlief. Wunderbar auch Sakai, der bei einem möglicherweise bedrohlichen Bremer Konteransatz eben nicht den Weg nach hinten antrat, sondern mit großer Entschlossenheit weit nach vorne sprintete, um den ersten Ball des Bremer Aufbauspielers zu verhindern.

Sowas kann auch schiefgehen. Eine spielstarke und selbstbewusste Mannschaft hätte beispielsweise in der gerade genannten Sakai-Situation, aber auch bei der einen oder anderen weiteren Gelegenheit, die fast schon übermütig anstürmenden Stuttgarter vielleicht ins Leere laufen lassen und die entstehenden Räume genutzt, und vermutlich wird so etwas, wenn man diese Spielweise beibehält, auch noch das eine oder andere Mal passieren. Gehört zum Lernprozess. Die Bremer waren dazu indes nicht in der Lage. Sie waren schon mit einer gehörigen Portion Verunsicherung angetreten, die im Lauf des Spiels zunahm und selbst ihrem nur selten an mangelndem Selbstvertrauen leidenden Torhüter immer wieder einfache Abspiele in Stuttgarter Füße abrang.

Vor dem Spiel hatte ich noch gesagt, man müsse darauf hoffen, dass keine Auswechslungen nötig würden. Zu gering erschien mir das Kreativpotenzial auf der Bank, und auch aus heutiger Sicht empfinde ich es noch immer als bemerkenswert, sich auf (in der Tat erfolgte) Geniestreiche von Hajnal und Gentner zu verlassen und auf der Bank weder Timo Gebhart noch einen zentralen Nachwuchsspieler sitzen zu haben. Doch auch hier gilt einmal mehr, dass derjenige, der gewinnt, recht hat. Also auch wir, die wir seit Wochen Molinaro für Boka forderten, um am Freitag zu sehen, wie vorne seine – unbedrängten – Hereingaben nicht ankamen und er hinten den Bock zum 0:1 schoss. Egal, gewonnen, recht gehabt.

Zwei der bemerkenswerteren Szenen der Partie spielten sich ganz in meiner Nähe an der Eckfahne ab. Zunächst die Ausführung eines trickreichen Eckballes, für die Sympathieträger Marko Marin und sein kongenialer Partner – ich glaube, es war Aleksandar Ignjovski – zur Freude des von Marin wiederholt herbeigerufenen Tobias Welz geschätzte fünf Minuten brauchten. Später folgte am selben Ort die (Achtung, Realitätsverlust!) Tiqui-Taqua-Einlage von Hajnal und Sakai, die sich Lukas Schmitz nach kurzem Mitwirkungsversuch nicht anschauen wollte. Er entschied sich statt dessen für Frustgelb, und man konnte es ihm nicht verdenken. Kein guter Tag für Werder.

Für den VfB war er indes, auch wenn man sich gegen Ende zielgerichtetere Konter gewünscht hätte, großartig. Zumal es am Torverhältnis eher nicht mehr scheitern sollte. Eines allerdings stellte sich als Mär heraus:

Englische Wochen gibt’s trotzdem.


Bella Marta in der Ischelandhalle

13. April 2012

Volker Weidermann hatte es empfohlen. Und ihn. Euphorisch, geradezu. Wenn Volker Weidermann etwas empfiehlt, und wenn noch dazu ein Grundinteresse meinerseits besteht, so wusste ich, kann eigentlich nichts grundlegend schiefgehen. Natürlich hatte ich recht: Thomas PletzingersGentlemen, wir leben am Abgrund” fesselte mich.

Nanu, der Kamke schreibt über ein Buch? Was ist denn jetzt los? Kann der lesen? Ok, Letzteres ist Koketterie, das vergessen wir schnell mal wieder. Ja, ich schreibe über ein Buch, aus Gründen, die ich nicht so recht benennen kann. Tatsächlich lese ich gar nicht so selten Bücher. Häufig genug sind sie nicht nur bereichernd, sondern hin- und mitreißend, etwas zu häufig sind sie es nicht. Aber ich schreibe nicht darüber, weder im einen noch im anderen Fall.

Gute (nicht: positive) Rezensionen begeistern mich. Sie zeigen mir Querverbindungen und vermeintliche Nebenaspekte auf, deren Bedeutung ich zum Teil nicht in Ansätzen erkannt hätte, folgen einem mir nicht geläufigen und doch so völlig logisch erscheinenden Muster und sind schlicht lesenswert. Mitunter bin ich komplett überfordert, aber das hält mich beispielsweise nicht davon ab, in (heute ausnahmsweise nicht gänzlich) stiller Bewunderung im Begleitschreiben Rezensionen von Werken zu genießen, deren Inhalte mich kaum interessieren und von denen ich häufig weiß, dass ich sie niemals lesen werde.

Was ich damit sagen will? Nun, ich schreibe keine Rezension. Traue ich mir nicht zu. Ich habe das Buch auch nicht in der Absicht gelesen, hinterher darüber zu schreiben. Es ist schlichtweg so, dass mich ein paar Themen ein wenig umtreiben. Themen, die nicht nur mit dem Inhalt im engeren Sinne zu tun haben. Oder im weiteren.

Zum Beispiel die Frage, wer so etwas bezahlt, die bitte nicht als “Wer zum Teufel finanziert denn sowas?” missverstanden werden möge. Ganz im Ernst, ich habe keine Ahnung vom Literaturbetrieb, und wüsste gern, wer die Begleitung einer Basketballmannschaft – darum geht es nämlich, könnte man ja auch mal erwähnen – über ein ganzes Jahr hinweg, mit Europapokal- und sonstigen Reisen, vermutlich auch mit Verpflegung als Teil des Alba-Trosses (Verzeihung, die, nun ja, ein wenig auf der Hand liegende Formulierung entstand tatsächlich zufällig und fiel mir erst auf, als ich sie schon nicht mehr missen wollte), finanziell trägt. Sind das Recherchekosten, die der Verlag bezahlt? Wie groß ist das Risiko des Autors? Inwieweit trägt der Verein Alba Berlin dazu bei, der letztlich eine ganze Menge an PR erhält?

Pletzinger selbst sagte hierzu in einem Interview mit der FAZ: “Ich bin kein Hofberichterstatter und stehe nicht auf der Alba-Gehaltsliste, ich werde in keiner Weise zensiert und bin völlig frei. ” Das nehme ich ihm ab. Es liegt mir auch fern, irgendwelche finanziellen Abhängigkeiten oder Ungereimtheiten aufzuzeigen und zu hinterfragen, wozu auch? Letztlich war es nur so eine Frage, die sich mir nach wenigen Seiten stellte, die ich seither ein wenig mit mir herumtrage und die ich nun hier loszuwerden versuche, ohne wirklich konkrete, geschweige denn verlässliche Antworten zu erwarten.

Eine Zeit lang habe ich mir überlegt, ob ich mir mehr Objektivität gewünscht hätte. Der Autor, in seiner Jugend selbst ein talentierter Basketballspieler, der in Hagen an den Profibereich heranschnuppern durfte, geht sehr offen mit seiner nach und nach aufgegebenen Distanz um. Klar, ließe sich auch nicht leugnen, muss es auch nicht, wie ich im Nachhinein glaube. Für mich las sich das Buch zunehmend wie der Bericht eines unmittelbar Beteiligten, gelegentlich gar so, als hätte ein Spieler selbst, mit verdammt gutem Ghostwriter, aus der Kabine erzählt – sicherlich bedürfte es dazu auch der Einblicke ins Seelenleben des Sportlers, wenn er beispielsweise an einer Nichtnominierung oder kurzen Einsatzzeiten zu knnabbern hat, doch zum einen halte ich es für fraglich, wie offen ein Spieler tatsächlich damit umgehen würde, zum anderen dürfte der aufmerksame Beobachter Pletzinger die Stimmungslagen bei Spielern wie Patrick Femerling oder Sven Schultze recht treffend erfasst und auf den Punkt gebracht haben, ohne sich in seitenlangen Schilderungen zu ergehen.

Dem geneigten Leser wird aufgefallen sein, dass ich oben sagte, Pletzingers Buch habe mich gefesselt. Klingt irgendwie nach “Suspense”, nach dem, was man gemeinhin von einem Krimi erwartet, aber nicht nach einem in allen Belangen begeisterten Urteil. Ist es das nicht? Ich weiß es noch immer nicht. Es gibt einfach Dinge, mit denen ich mich schwer tat. An den Zeitsprüngen hatte ich lange zu knabbern, und – damit einhergehend – mit dem Hin und Her bei Spielern und vor allem Trainern. War es indes genau dieser Kniff, dieser immer wieder vor Augen geführte Wechsel vom sympathischen, gebildet wirkenden Luka Pavićević, mit dem ich vermutlich gerne mal einen Abend verbringen würde, zum verkniffener und blasser erscheinenden, vielleicht auch nur weniger tief beschriebenen Muli Katzurin, der die Professionalität des Basketballbusiness, den – trotz der überraschten Reaktionen der Spieler auf die Entlassung – geschäftlichen Umgang mit dem steten Wechsel, besonders deutlich illustriert? Oder denke ich mir einfach nur weit hergeholte Theorien aus?

Paul Neumann beschäftigt mich noch immer. Hieß er wirklich so, und wenn ja, ist es angemessen, ihn so bloßzustellen? Falls ja: Hat er es nicht genau so verdient, dieser verbrämte alte Bamb… ah, da haben wir es: Ich bin zum Alba-Fan geworden. Zumindest für die Zeit der Lektüre – anders als Frau Gröner sehe ich mir seither nicht jedes verfügbare Alba-Spiel an und wusste bis eben nicht einmal, ob Katzurin nach der literarisch begleiteten Saison Trainer blieb (stand doch nicht im Buch, oder?), aber ich fand mein Mitfiebern schon bemerkenswert.

Sicherlich, ich bin für sowas empfänglich, kann auch bei Sportfilmen, denen man nicht allzu hohen künstlerischen Wert und noch weniger Glaubwürdigkeit zuschreiben möchte, hemmungslos mitfiebern, aber Alba, oder korrekter: ALBA? Der von mir stets, möglicherweise völlig zu unrecht, als eher langweiliger, wohlhabender Hauptstadtverein angesehene Serienmeister der Jahrtausendwende, den ich, erst recht zu Unrecht, gedenklich gerne mal mit der Hertha in einen Topf warf? Der gegen die sympathischen und, ähem, wohlhabenden Underdogs Favoriten Bamberger antritt, deren Basketball noch regionales Identifikationspotenzial entfaltet? Hätte ich nicht gedacht.

Wie gesagt: Ich bin empfänglich für solche Geschichten, als Autor fängt man mich da leicht ein. Aber ich glaube schon, dass es dann doch ganz wesentlich Pletzingers Erzählweise war, die mich für das Buch einnahm. Und seine durch alle Ritzen scheinende Begeisterung, einen Jugendtraum in die Tat umzusetzen. Sowie nicht zuletzt der trotz allem erkennbare Kampf zwischen dem Beobachter Pletzinger und dem von den Fans gefeierten Beteiligten Thomas. Nicht zu vergessen: mein vergebliches Warten auf sein Wiedersehen mit Marta Lewandowski.

Es wird Zeit, endlich seine “Bestattung eines Hundes” zu lesen. Und sich einzugestehen, dass man nicht über ein Buch schreiben kann, ohne es auf die eine oder andere Art zu rezensieren.


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